Stefan Kuntz erzählt, und wie, und nur eigene Geschichten

Philososphie

Hintergründiges

Beruf:Erzähler

Zuhören - Erzählen - Schreiben. Für eine lebendige Kommunikation.

 


Hintergründiges

Geschichten-Erzählen ist eine alte Kunst. Älter als die Kunst des Schreibens.
In der Sahel-Zone sagt man: Jeder Griot, der stirbt, ist eine Bibliothek, die brennt. Und die Geschichten der Griots nennt man oral literature, gesprochene Literatur.
Unsere Schreibkultur hängt auch davon ab, wie sehr unsere Kultur des gesprochenen Wortes, wie sehr unsere Mündlichkeit entwickelt ist.
Mir liegt das Freie Erzählen am Herzen.

Geschichten-Erzählen ist eine alte Kunst. Es ist schön, alte Geschichten in Ehren zu halten. Und sie für unsere Ohren passend zu machen.
Und es ist gut, neue Geschichten zu schaffen. Jede Gesellschaft hat ihre Traditionen, aus denen sie schöpft, und jede Gesellschaft fügt zu den alten noch ein paar neue Geschichten hinzu. Ich füge gerne hinzu.

Zu den Geschichten gehören Erzählungen, womit Schriftsteller etwas Anderes meinen als Erzähler, und sich dann noch - um die Verwirrung auf die Spitze zu treiben - Erzähler nennen. Geschichtenerzählerinnen, die ihre eigenen Geschichten schaffen, sind auch Autoren. Das ist für Kolleginnen schwer zu begreifen, sind die Geschichten doch oft nicht aufgeschrieben, sondern nur erzählt.
Na gut, dafür ist für uns Erzählerinnen nicht leicht zu begreifen, warum Nur-Autoren eine Lesung im Sitzen mit einer kleinen Lampe und einem Glas Wasser abhalten und kaum ihre Zuhörer ansehen.

Zu den Geschichten gehören auch Märchen. Märchenerzähler erzählen Märchen. Geschichtenerzählerinnen erzählen auch andere Geschichten, nicht nur Märchen. Geschichtenerzähler werden durch das Publikum, Eltern, Pädagoginnen, Journalisten als Märchenerzählerinnen wahrgenommen, werden auf Märchen beschränkt: "Du bist doch ein Märchenonkel, nicht?" Dass eine Geschichtenerzählerin auch Anderes erzählt, ist schwer zu vermitteln. Das hat viele Gründe. Der wichtigste ist die Sehnsucht nach der heilen Welt, die von klassischen Märchen befriedigt wird. Und die ist in diesen unsicheren Zeiten verständlicherweise besonders stark. Bert Brecht würde rufen: „Glotzt nicht so romantisch!"

Filmemacher, Autoren, Choreographen sagen manchmal - vor allem in Interviews: 'Ich will eine Geschichte erzählen'. Gelegentlich fügen sie hinzu: 'nur eine ganz einfache Geschichte'. Dann schreibt der Feuilletonist: „Filmemacher hat die ausgestorbene Kunst des Geschichtenerzählens wieder entdeckt!" Na klar, ohne das narrative Element geht es in vielen Kunstformen nicht. Und es ist schön, wenn der ein oder andere Künstler bescheiden auftritt und einfache Dinge tut. Aber mit solchen Statements kann man auch das Pathos des Einfachen zelebrieren. Und die Kunst der lebenden Erzählerinnen wird ignoriert. Schade.

Übrigens ist Erzählen nicht einfach. Gute Geschichten sind besonders gut, wenn sie gut erzählt werden.

Und doch kann jeder erzählen. So wie (fast) jeder ein Bild malen kann. Manches hat halt eine andere Qualität. Die nennt man dann Kunst.

er Übergang vom Amateur zum Profi ist gerade beim Erzählen fließend. Das ist eine große Chance, es wird immer Nachwuchs geben. Und es ist eine Gefahr: Dass professionelle Qualität nicht goutiert wird, weil die Kriterien nicht herangebildet wurden, um sie zu erkennen. Wenn das ästhetische Instrumentarium beim Publikum entwickelt wird, kann man klar zwischen Amateuren und Profis unterscheiden. Damit hilft man beiden. Fehlt das, hat das dann auch ökonomische Folgen. Profis können ihre Kunst nur weiter entwickeln und auf hohem Niveau halten, wenn sie genügend Auftritte haben, mit denen sie genügend verdienen.

Übrigens scheint es in allen Kulturen Profis und Amateure bei den Erzählern zu geben. Die Profis in unserer Kultur waren die Troubadoure und Minnesänger. Die Amateure die Frauen, denen die Gebrüder Grimm zugehört haben.

'Erzähl mir nix!' oder: 'Erzähl mir keine Stories!' sagt man so mal dahin. Genau, das ist am Erzählen so herrlich, dass der Erzähler den Zuhörern einen Bären aufbinden kann, und die dann einen Riesenspaß haben, wenn sie es merken und über sich selbst und die Geschichte lachen. Der Erzähler muss ein bisschen verantwortungsvoll mit diesem Glatteis umgehen, auf das er sein Publikum führt. Und die Zuhörer können das Fehlen des festen Bodens unter den Füßen als einen Zustand schätzen, aus dem etwas Neues entstehen kann: Erkenntnis.


Beruf: Erzähler

Geschichtenerzähler ist (auch) ein '''Beruf'''.
Davon soll hier - unter anderem - die Rede sein.

Nicht aber soll hier weiter eingegangen werden auf die Geschichtenerzählerin als Gegenstand der Literatur (Alan Sillitoe: Der Mann, der Geschichten erzählte, ursprünglich London 1979; Mario Vargas Llosa: Der Geschichtenerzähler, ursprünglich Barcelona 1987; Joel ben Izzy: Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks, ursprünglich New York 2003 u.a.) als Figur in der literarischen Erzählung.
Nicht eingegangen werden soll auf die literarische Erzählung (Otto Kruse: Kunst und Technik des Erzählens, Frankfurt 2001)

'''Geschichte'''

Die Geschichtenerzählerin (männliche und weibliche Formen werden abwechselnd benutzt) wird seit alters her in vielen Kulturen angetroffen. Einen Überblick gibt: Johannes Merkel/ Michael Nagel: erzählen, die wiederentdeckung einer vergessenen kunst, Reinbek 1982.
Im anglo-amerikanischen Kulturbereich als ''storyteller'' bezeichnet, in den Königsgesellschaften der Sahel-Zone als ''griot'' (fr.) oder ''praise-singer'' (engl.).
Der mitteleuropäische Geschichtenerzähler dürfte seine Wurzeln im mittelalterlichen Minnesänger, im Troubadour haben. Auch der Hofnarr oder der Sänger der Heldenlieder und Sagen ist ein Vorfahr der heutigen Geschichtenerzählerin. mehr: Michael Dollendorf

'''Unterscheidungen schwierig'''

In vielen Kulturen hat der Geschichtenerzähler auch rituelle Funktionen, die über das Wachhalten der Erinnerungen an die Erfahrungen der Ahnen hinaus gehen, also Aufgaben in religiösen Kulten. Das ist beispielsweise bei den Schamanen der Fall, aber auch im Sufismus, der neuerdings eine reiche Quelle für viele Erzähler auch im deutschsprachigen Raum geworden ist. Nicht einfach klären läßt sich, ob der Priester auch Erzähler ist oder ob der Erzähler auch Priester ist. Diese Überschneidung wird in der heutigen Religionspädagogik deutlich, auch im therapeutischen Bereich (storytelling as a healing art).
Geschichtenerzählerin wird hier als Oberbegriff behauptet für alle Arten der Erzähler, seien es z.B. Sagenerzählerinnen, Bettkanten-Erzähler, Stadt- oder Museumsführer, oder auch Märchenerzählerinnen.
Der übliche Sprachgebrauch, Erzähler entweder als Schriftsteller oder aber als Märchenerzähler zu begreifen, sollte aufgegeben werden.
In vielen Kulturen gibt es eine Unterscheidung zwischen Märchen- und Geschichtenerzählern.
In der Sahel-Zone wurden Märchen im häuslichen Kreis vorwiegend von Frauen erzählt; die (früher nur männlichen) griots dagegen erzählten die Historie der Könige, Jäger und Vorfahren, erzählten Parabeln, die der Entscheidungsfindung bei einer Brautwerbung, bei einer Kriegsvorbereitung, einem Friedensschluss dienten.
In vielen Kulturen kann das Märchenerzählen tendenziell den Frauen und dem Freizeitbereich zugeschrieben werden, das Geschichte(!)-Erzählen den Männern und der Finanzierung des Lebensunterhalts.
Dies wird hier deshalb so betont, weil diese Tendenzen auch hier und heute Auswirkungen zu haben scheinen für die Professionalisierung der Erzählerinnen. Geschichtenerzähler tragen nicht nur, aber überwiegend ihre eigenen Geschichten vor. Sie stehen dann in der Tradition der ''oral literature''. Die Frage der Quelle gewinnt auf dem Hintergrund des Urheberrechts immer mehr an Bedeutung: Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass eine Bearbeitung aus einer Quelle noch keine eigene Geschichte macht, sondern der Erlaubnis bedarf. Dies haben Erzählerinnen lange anders gehandhabt. Bei den ''urban legends'' wird das Problem besonders deutlich. Als Geschichtenerzähler bezeichnen sich meist die Erzähler, die nicht nur Märchen erzählen. Und so wird die Bezeichnung hier im engeren Sinne gebraucht.
Eine andere Unterscheidung betrifft die zu anderen Künsten. Natürlich erzählen auch Filme, erzählt auch ein Bild oder das Theater oder eine Komposition. Aber zunächst einmal erzählt der Erzähler.
Wenn also eine Erzählerin z.B. ästhetische Mittel des Theaters für ihren Vortrag verwendet, macht sie möglicherweise Erzähltheater. Vielleicht ist sie eher eine Schauspielerin, die auch erzählt. Aus der Sicht der Erzähler ist die Lesung eines Autors etwas anderes als freies Erzählen.
Aber auch Trauerredner, Propagandisten, Poetry Slam Performer oder Redner dürften eher am Rande des Erzählerspektrums anzusiedeln sein, obwohl gerade die Überschneidungen reizvoll sind und die Erzählkunst lebendig halten.
In der Frage der Standortfindung der Erzähler werden solche Fragen manchmal wichtig; der Purismus, also die Begrenzung auf die ureigensten Mittel des Erzählers, gewinnt an Bedeutung.
Auf der anderen Seite führen Marketingstrategien leicht zur Ausweitung der Erzählerinnentätigkeit, sie wird auch Schauspielerin, Autorin, Therapeutin, Moderatorin im Bereich der Wirtschaft, Lehrerin, Leseförderin, Missionarin des Zuhörens oder Seelsorgerin.

'''Zur Renaissance'''

Während das Märchen-Erzählen mehr oder weniger durchgängig im privaten und halböffentlichen Raum gepflegt wurde, beginnt die Renaissance der Geschichtenerzähler im engeren Sinne um 1980. Folke Tegetthoff, Graz, hat seinen ersten Auftritt 1979; Stefan Kuntz, Köln, 1980; seit 1982 erzählt die Kleinste Bühne der Welt (Jörg Baesecke und Hedwig Rost) ihre Geschichten; Yusuf Naoum erzählt seit 1983 Kaffeehausgeschichten.

'''Festivals'''

(Auswahl überwiegend deutschsprachig und wiederkehrend)
Graz erzählt, Erzähl mir was (Remscheid), Zwischen-Zeiten (Aachen), ZauberWort (Nürnberg), Internationales Erzählfestival (Bergisch Gladbach), Märchen-Festival (Neukirchen-Vluyn)

'''Ausbildung'''

Akademie Remscheid; Universität Bremen; Universität der Künste, FB 9, Berlin;
Dazu hat Martin Ellrodt sich auf erzaehlen.de tiefere Gedanken gemacht.

'''Berufsaussichten'''

Ute Weidinger und Michl Zirk haben dazu eine Gesprächsrunde beim ZauberWort 2007 moderiert.
Dabei wurde eine Gagenrichtline protokolliert: 400 Euro je Person und Aufritt, oder aber 3 Euro pro Kind bei Schulvorstellungen mit mehreren Klassen (Martin Ellrodt).

'''Erzählweisen'''

die inneren Bilder
die Lemniskate (Anthroprosophie)
Erzählkunst
Erzählen als Interaktion mit dem Zuhörer


'''weiterführende Webseiten:
'''

[http://www.erzaehlen.de Forum für Erzähler] [http://www.geschichten-erzaehlen.de Links zu Erzählern, Festivals und Foren]


'''Literatur:'''

Kristin Wardetzky: Erzählen - Kunst oder Nicht-Kunst?

Stefan Kuntz: Zuhören-Erzählen-Schreiben, in: WortSpiegel 3/4, 2004

zuletzt aktualisiert 6.11.2007

 

 

Leih mir Dein Ohr - für jung und alt Geschichten aus dem Stegreif , mehr als 1001 Mal! für Erwachsene das Innerste der Seele, machmal ganz schön frech, mehr als Schmunzeln 10- und 11-jährige finden die echt cool